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Wandel

Mehr Kultur in Glems

Aus dem Malergeschäft Herr in Glems wurden die Werkstatt-Ateliers für Künstler und Kunsthandwerker              Von 07.07.2020 

METZINGEN-GLEMS. Der Ort hat gerade mal um die 1 000 Einwohner. Und die sind stolz, Glemser zu sein. Ein Ort mit einem ausgeprägten Kulturleben. Der Hirsch ist als Kulturkneipe bekannt, so mancher Große der Musikszene hat hier schon gespielt. Unweit davon ist vor zwei Jahren ein von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes kleines Kulturzentrum entstanden. In den früheren Werkstätten des Malergeschäfts von Gotthilf Herr. Der war auch schon mal Ortsvorsteher und saß 30 Jahre im Ortschaftsrat. Inzwischen ist er im Ruhestand. Seine früheren Geschäftsräume nutzt heute seine Tochter, Diana Barth, die dort die Werkstatt-Ateliers eingerichtet hat.

Hier hat sich inzwischen eine ganze Reihe von kreativen Köpfen zusammengefunden. Hier ist auch das eigene Atelier von Diana Barth, wo ihre großen bunten Bilder entstehen. Zwanzig ihrer Werke hängen derzeit in einem Hotel in Konstanz. Die meisten sind dem Symbolismus zuzuordnen, eine Stilrichtung, die ihre Hochphase zwischen 1880 und 1910 hatte, die unbewusste Prozesse hinterfragt und bildlich sichtbar machen möchte. Aber auch Musiker malt sie gerne, Menschen in Bewegung, sagt sie. Wie Ian Anderson, den früheren Frontman von Jethro Tull, den sie zusammen mit ihrem heute 72-jährigen Vater im Hirsch erlebt hat. Wo beide regelmäßig sind: »Wir müssen ja nur den Buckel runter.«

Die 46-jährige, zweifache Mutter ist in Glems aufgewachsen, wo sie die notwendige Ruhe für ihr künstlerisches Tun findet. »Gleichwohl ich dabei aufpassen muss, dass ich geerdet bleibe.« Deshalb hat sie auch zwei Nebentätigkeiten. Als Mesnerin und Postzustellerin. »Ich mache das, was mir die Freiheit in der Kunst lässt.«

Für sie bereichernd sind die Werkstatt-Ateliers, wo sie sich mit Gleichgesinnten austauschen kann. »Das beflügelt ungemein.« Sei es mit ihrer Freundin, die Illustratorin und Designerin Ute Schweizer, mit dem bildenden Künstler Wolfgang Huckauf-Schwarz, dem Maler, Zeichner und Sprayer Jan-Christoph Volz oder mit Zsanett Schmied, die sich der sogenannten Kollodium-Nassplattenfotografie widmet, einer alten Fototechnik, bei der der Abzulichtende bis zu 15 Minuten lang absolut still sitzen muss. »Da entstehen ganz eigene Porträts, die mehr zeigen, als man denkt«, erklärt Diana Barth, die mit einem strahlenden Lächeln von der Bedeutung des Moments spricht.

»Ich mache das,was mir die Freiheitin der Kunst lässt«

Unter dem Dach der früheren Malerwerkstatt findet sich zudem ein Yoga-Atelier, das Susanne Gerold leitet, sowie das rumänische Kindertheater Teatrolici, das die Schauspielerin Dorina Harangus aufgebaut hat, deren Auftritte meist in Stuttgart sind. Und die Filzwerkstatt von Ingrid Volk-Trautwein und Bärbel Wagner, zwei Frauen, die sich beim Filzen in Tübingen kennengelernt haben und seitdem zusammenarbeiten.

Sie alle kommen aus Reutlingen, Eningen, Stuttgart, Grafenberg oder Metzingen, wobei Bärbel Wagner die weitesten Wege hat. Sie wohnt in Überlingen und fährt regelmäßig nach Glems, bis zu dreimal im Monat, in ein Dorf, das ihr ganz besonders gefällt, das sie geradezu fasziniert. »Mein erster Weg führt immer zum Bäcker.« Dessen Brezeln seien nunmal die besten. Wenn sie abends wieder zurück an den Bodensee fährt, sei sie zwar immer müde, »dafür aber ist der Kopf frei«. Laut Diana Barth braucht es eine gewisse Beharrlichkeit, »um in Fluss zu kommen«. Etwas, was alle auszeichne, die in den Glemser Ateliers arbeiten.

»Gleichwohl ich aufpassen muss, dass ich geerdet bleibe«

1931 gründete Diana Barths Großvater das Malergeschäft Herr, das später ihr Vater Gotthilf übernommen hat. Vor sechs Jahren wurde das Geschäft verkauft, vor zwei Jahren hat der neue Eigentümer im Längenfeld in Metzingen gebaut. Die Werkstatträume standen leer, bis auf ihr eigenes Atelier, das dem Geschäft ihres Vaters angeschlossen war. Unter dem Namen »Herrlich« machte sie unter anderem Wandbemalungen. »Kunst ist für mich Mitteilung, die viele Worte ersetzt«, schreibt sie auf der Homepage. Und weiter: »Vielleicht klingt sie nicht gar so unmittelbar wie Musik in uns an, sie ist aber ebenso poetisch, provokativ, pompös oder rätselhaft.«

Sie und ihr Vater, der ihre künstlerischen Ambitionen immer unterstützt hat, haben sich deshalb 2018 daran gemacht, die Malerwerkstatt umzubauen, sodass mehrere kleine Ateliers entstanden sind. »Wichtig war mir dabei, dass der Handwerker-Charakter erhalten bleibt.« Daraus geworden sind die Werkstatt-Ateliers. Glems hat damit zwar kein Malergeschäft mehr, dafür aber ein kleines Zentrum für Kunst, Theater, Kunsthandwerk und mehr. (GEA)

Die Kohlmäuse machen munter

Kreativität, Können und Kurioses von neun Glemser Hobbykünstlern im Dorfgemeinschaftshaus Von Mara Sander 15.12.2017

Diana Barth (Mitte) hat die Bergmäuse am Kohlkopf knabbern lassen und damit Symbole von Metzingen und Glems auf die Leinwand gebracht. Links Ortsvorsteher Andreas Seiz, rechts Metzingens Erste Bürgermeisterin Jacqueline Lohde bei der Vernissage im Dorfgemeinschaftshaus. FOTO: SANDER

Das Werk Bandverbindung von Diana Barth ist Publikumsliebling 7.7.2016

Christa Schneider (rechts) hat einen Druck der Künstlerin Diana Barth (Mitte) gewonnen. Überreicht hat ihn Barbara Haussmann an die glückliche Gewinnerin. © Foto: Michaela Pesch, Bildnachweis: KunstRaum Metzingen

2010